Archäologie

Archäologie
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Der „Muristan“, das Gelände südlich der Grabeskirche, auf dem im Mittelalter die Krankenhäuser des Johanniterordens standen und sich heute u. a. die Erlöserkirche befindet, lag im 19. Jahrhundert in Ruinen und wurde zum Ort archäologischer Grabungen.

Der Feldzug Napoléon Bonapartes nach Ägypten in den Jahren 1798/99 hatte die Schwäche des Osmanischen Reiches offenbart und den Blick Europas in den Orient gelenkt. Die Napoléon begleitenden Wissenschaftler erforschten Ägypten und gründeten das Institut d’Égypte, das zu einer Keimzelle der Ägyptologie wurde. Daraus entstand ein gesteigertes Interesse europäischer Wissenschaftler an der Erforschung der Kultur des Nahen Ostens, auch derjenigen Palästinas. Vielfach erhoffte man sich dort von archäologischen Grabungen die Bestätigung biblischer Berichte.

Das Leben Jesu und die Frage der Echtheit des Heiligen Grabes wurden Gegenstand der sich entwickelnden Biblischen Archäologie in Jerusalem. Im Fokus stand die Suche nach der von dem jüdischen Schriftsteller Flavius Josephus im 1. Jahrhundert n. Chr. beschriebenen „Zweiten Stadtmauer“ Jerusalems aus der Zeit Herodes d. Gr. (37 bis 4 v. Chr.), und damit die Frage nach der Korrektheit des in der Grabeskirche gezeigten Kreuzigungsortes Jesu (Golgota) sowie der Grabstätte. Diese mussten nach römischem und jüdischem Brauch zur Zeit Jesu außerhalb der Stadt gelegen haben. Von Grabungen auf dem Muristan erhoffte man sich dazu neue Erkenntnisse. Als 1893 beim Bau der Erlöserkirche eine große Mauer in Ost-West-Richtung entdeckt wurde, schien die „Zweite Stadtmauer“ gefunden und der Beweis für die Authentizität der heiligen Stätten in der Grabeskirche erbracht.

Während der Restaurierung der Erlöserkirche führte das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes unter Leitung seiner damaligen Direktorin Dr. Ute Wagner-Lux zwischen 1970 und 1974 zur Sicherung archäologischer Befunde Grabungen durch. Eine Tiefgrabung widerlegte die Annahme, die große Mauer unter der Erlöserkirche sei ein Teilstück der „Zweiten Stadtmauer“. Der Tiefschnitt führte auf einen Steinbruch, auf dem sich um die Zeitenwende Erde ablagerte, die als Garten bearbeitet wurde. Damit wurde bewiesen, dass sich das Gelände und damit auch der Ort der heutigen Grabeskirche zur Zeitenwende außerhalb der Stadt befunden hatten.

Die „Zweite Stadtmauer“ gibt bis heute Rätsel auf, da man noch keine Reste dieser Mauer gefunden hat. Aus den Befunden des DEI und anderer Grabungen ergibt sich, dass sie sich östlich des „Muristan“ nach Norden gezogen haben muss. Über ihren weiteren Verlauf gehen die Meinungen der Archäologen auseinander.

Die Ausstellung stellt die Anfänge der Archäologie in Jerusalem dar und zeigt mit historischen Plänen die Vorgehensweise der Forscher des 19. Jahrhunderts bei ihren Grabungen auf dem Muristan. Fotos und Zeichnungen dokumentieren die Arbeit und die Ergebnisse der Grabungen des DEI unter der Erlöserkirche und im Kreuzgang in den 1970er Jahren. Karten erläutern die aktuellen Thesen der Archäologen zum Verlauf der „Zweiten Stadtmauer“ Jerusalems, die durch die Befunde des DEI entscheidende Impulse erhielten.