Die Tiefgrabung gewährt einen Einblick in die Geschichte Jerusalems

Tiefgrabung
?

Der Tiefschnitt unter der Erlöserkirche führt auf einen ehemaligen Steinbruch, der bis ins erste Jahrhundert v. Chr. genutzt wurde. Sowohl ein Gartenareal aus dem jüdischen Jerusalem (1. Jh. n. Chr.) als auch die gewaltigen Schüttschichten aus der Zeit der Gründung von Colonia Aelia Capitolina (2. Jh. n. Chr.) wurden dort aufgefunden.

Der Tiefschnitt reicht bis zum natürlichen Felsen hinab. Dort, auf einer Fläche von 2,90 x 3,60 m, zeichnen sich Spuren eines alten Steinbruchs ab. Die gebrochenen Quader waren zwischen 0,60-0,90 m breit, 0,90-1,10 m lang und 0,60-0,70 m hoch. Von diesem Steinbruch hatten zuerst Warren (Muristanschnitt), danach auch Schick (Alexander-Hospiz, später Muristangrabung), Vincent und schließlich Kenyon (‚Site C’) berichtet. Inzwischen ist durch weitere Ausgrabungen unter der Grabeskirche deutlich, dass es sich um ein gewaltiges Steinbruchgelände, das von der Davidstraße bis unter die heutige Grabeskirche und das Alexander-Hospiz reichte, gehandelt haben muss. Anders aber als in ‚Site C’ bei Kenyon lagerte direkt auf dem Steinbruch keine geschlossene Schicht mit Fundgut aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. Der Steinbruch im Bereich der Erlöserkirche wird folglich bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. benutzt worden sein.

?

Die etwa 2 m dicke Erdschicht oberhalb des Felsbodens ist nicht einheitlich. Mehrere (mindestens drei) waagerechte Schichten wurden hier übereinander abgelagert; vermutlich mit größeren zeitlichen Zwischenräumen. Die oberste Schicht und die Feldsteinmauer im Norden des Tiefschnittes begrenzen das Stratum. Sie werden von den Ausgräbern als Gartenbereich beschrieben. Der Boden wurde hier 20 cm tief gepflügt. Die Mauer diente vermutlich zur Parzellierung eines Grundstückes. Es ist zu vermuten, dass hier mehrere Gartenbereiche nebeneinander lagen. Dies passt zur Benennung des nahegelegenen Stadttores im Norden der ‚ersten Mauer’ durch Josephus Flavius als ‚Gärten-Tor’ – dem ‚Gennat-Tor’ (Bell V 4,2 § 146). Vieles spricht dafür, dass Avigad dieses Tor bei Ausgrabungen südlich der Davidstraße im jüdischen Viertel bereits lokalisieren konnte.

Der Steinbruch könnte sowohl für den Bau der alttestamentlichen Stadterweiterung Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. südlich der heutigen Davidstraße als auch später bei der Errichtung des herodianischen Viertels im 1. vorchristlichen Jahrhundert benutzt worden sein.

Oberhalb des ehemaligen Gartengeländes wurde um 135 n. Chr. auf Geheiß des Kaisers Hadrian eine 5,50 m dicke Schuttschicht aufgefüllt. Dies entspricht der 8 m hohen Aufschüttung in Kenyons ‚Areal C’. Das Ziel der Maßnahme wurde oben bereits angedeutet: Wollte Kaiser Hadrian seine Stadt Aelia Capitolina bis zur Nordausdehnung von Herodes Agippa I. architektonisch sinnvoll entwickeln, so musste er das störende, ehemalige Steinbruch-Areal samt des sich von Ost nach West erstreckenden, etwa 100 m breiten Kreuztals weitflächig aufschütten.

?

Das Füllmaterial ließ Hadrian aus der 70 n. Chr. durch Titus zerstörten Stadt holen. Mauerreste, Ziegel, Keramik und Verputz wurden hier aufgeschüttet; erkennbar daran, dass die jüngsten hier gefundenen Münzen aus der Zeit des ersten jüdischen Aufstands gegen Rom (66-70 n. Chr.) stammen.

Das Gefälle der Schichten unter der Erlöserkirche deutet auf eine Schüttung von Süden hin. Das Material wurde wohl von jenseits der Davidstraße hergebracht und hier in Richtung Norden abgekippt. Daraus erklären sich auch die Durchmischungen der Schüttschichten mit eisenzeitlichem, d. h. Material aus der Zeit des Alten Testaments, denn die Reste der hierher verbrachten jüdische Stadt der Hasmonäer gründete unmittelbar auf den Ruinen der alttestamentlichen Stadterweiterung des Königs Hiskia gegen Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr.

Zusammen mit der unteren Lage der heute in der Grabung zu besichtigenden großen Ost-West-Mauer (Feldsteine) und weiteren rechtwinklig darin eingebundenen kleineren Mauern bildete sich so eine Ebene – teilweise aus Mörtel, teilweise aus festgestampfter Erde – mit unbedeutenden Bauresten im Gelände neben dem gewaltigen römischen Heiligtum, das Hadrian nördlich des heutigen Muristan-Viertels errichten ließ.